9 - Rebalancing - Warum du dein Depot manchmal neu ausrichten musst
Alles verändert sich – auch dein Depot
Wenn man zum ersten Mal ein Portfolio aufsetzt, fühlt sich die Aufteilung oft wie ein fester Plan an: 70 % Weltaktien, 30 % Schwellenländer – fertig. Doch mit der Zeit merkt man: Die Märkte entwickeln sich unterschiedlich. Manche Regionen boomen, andere dümpeln vor sich hin. Und ohne dass du aktiv etwas tust, verschieben sich die Gewichte. Das ist kein Fehler im System – sondern eine ganz normale Folge von Wachstum. Rebalancing bedeutet, diese Verschiebung zu erkennen und gegebenenfalls sanft gegenzusteuern – ohne Drama, aber mit System.
Wie sich dein Depot ganz von allein verschiebt
Ein einfaches Beispiel: Du startest mit einem 70/30-Portfolio. Doch nach ein, zwei Jahren steht plötzlich nicht mehr 70/30 in deiner Übersicht, sondern 75/25. Das liegt daran, dass der ETF auf Industrieländer vielleicht stärker gewachsen ist als der auf Schwellenländer. Und schon ist dein Depot anders gewichtet als geplant – ohne dass du etwas „falsch“ gemacht hast. Solche Verschiebungen sind normal – aber je weiter sie sich ausdehnen, desto mehr weicht deine Anlagestrategie von der ursprünglichen Idee ab.
Warum Rebalancing kein Notfallknopf ist
Viele hören zum ersten Mal von Rebalancing und denken sofort: „Oh, das muss ich regelmäßig machen, sonst stimmt mein Depot nicht mehr!“ Aber keine Sorge – es geht hier nicht um hektisches Umschichten. Rebalancing ist kein Notfallknopf, sondern eine bewusste Pflegehandlung. Für uns als Familie bedeutet das: Wir behalten unsere Depotstruktur im Blick, aber wir rennen nicht jeder kleinen Abweichung hinterher.
Unsere Toleranz: 70/30 muss nicht immer 70/30 bleiben
Als wir 2020 angefangen haben zu investieren, war unsere Struktur klar: 70 % iShares MSCI World, 30 % iShares MSCI Emerging Markets. Diese Aufteilung hat sich bewährt – aber natürlich verschiebt sie sich mit der Zeit. Im Mai 2025 liegt unser Verhältnis bei etwa 74/26. Und das ist für uns vollkommen okay. Wir haben für uns eine Art mentalen Korridor definiert: Solange wir uns irgendwo im Bereich von 75/25 bewegen, sehen wir keinen akuten Handlungsbedarf. Das hilft, ruhig zu bleiben – und spart gleichzeitig Arbeit, Steuern und Stress.
Keine Verkäufe – lieber mit der Sparrate gegenlenken
Viele Ratgeber empfehlen beim Rebalancing das Umschichten: Verkaufen, was zu viel geworden ist, und in den unterrepräsentierten Anteil investieren. Aber das bedeutet nicht nur Arbeit, sondern kann auch steuerliche Folgen haben. Wir wählen einen einfacheren Weg: Wenn unser Depot aus dem Gleichgewicht gerät, passen wir unsere Sparraten an. Der ETF, der „zurückliegt“, bekommt mehr monatliche Zuwendung – und der andere eben etwas weniger. So korrigieren wir das Verhältnis langsam, aber kontinuierlich – ohne Verkäufe, ohne Stress.
Einmal im Jahr reicht – unser Rhythmus
Wann rebalancen wir? Meist gegen Jahresende. Dann werfen wir einen genauen Blick auf unser Depot und prüfen: Hat sich das Verhältnis stark verschoben? Wenn ja, überlegen wir, ob und wie wir die Sparraten im neuen Jahr anpassen. Wenn nicht, lassen wir alles wie es ist. Rebalancing ist für uns keine monatliche Aufgabe – sondern ein ruhiger Jahresimpuls.
Warum wir nicht aussetzen oder pausieren
Natürlich könnte man auch einmal die Sparrate für den dominanten ETF aussetzen und nur den anderen besparen. Aber das fühlt sich für uns nicht richtig an. Wir wollen eine konstante, verlässliche Routine – ohne Pausen oder Eingriffe, die unser Verhalten stören könnten. Deshalb greifen wir lieber sanft in die Gewichtung der Raten ein, statt eine Position auf Null zu setzen. Es soll nicht zu einem taktischen Spiel werden – sondern ein einfacher Prozess bleiben.
Rebalancing ist kein Dogma – sondern ein Werkzeug
Für uns ist Rebalancing kein Zwang, sondern ein Werkzeug im Kasten. Es hilft uns, nicht völlig von unserer Strategie abzuweichen, ohne in Aktionismus zu verfallen. Manche FIRE-Familien arbeiten mit festen Schwellen, andere mit Kalendereinträgen. Und wieder andere rebalancen gar nicht – auch das kann funktionieren. Wichtig ist nur: Du solltest wissen, wie du es für dich regeln willst.
Unser Depot darf atmen – aber nicht kippen
Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis: Dein Depot muss nicht perfekt ausbalanciert sein – es darf leben, sich bewegen und mal aus der Spur geraten. Aber es sollte nicht völlig in eine Richtung kippen, die du gar nicht mehr kontrollierst. Für uns gilt: Solange wir wissen, warum wir gerade so aufgestellt sind wie wir es sind, ist alles gut.
Fazit: Rebalancing bringt Ruhe, nicht Unruhe
Am Ende geht es beim Rebalancing nicht um Mathe – sondern um Haltung. Es ist ein Akt der Fürsorge für dein Depot. Ein Moment der Reflexion, ob du noch auf Kurs bist. Und ein Werkzeug, das dir hilft, langfristig gelassen zu bleiben. Gerade im FIRE-Kontext, wo Zeit, Beständigkeit und Einfachheit so zentrale Werte sind, ist Rebalancing ein stiller Verbündeter.
Ausblick: Kapitel 5.10 – Kapitalerträge versteuern: Das Wichtigste in 5 Minuten
Im nächsten Kapitel wechseln wir die Perspektive – weg von der Strategie, hin zu den Regeln: Wie funktioniert das eigentlich mit der Kapitalertragsteuer? Welche Freibeträge gelten, was ist eine Vorabpauschale und wie kannst du entspannt mit Steuern umgehen, wenn du FIRE im Blick hast? Keine Angst: Auch das erklären wir dir wieder so, dass es verständlich bleibt – und sogar ein bisschen Spaß machen kann.